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Carolin Beyer: Prima Vista

Der berühmte erste Eindruck: unsere Sinne erfassen ganzheitlich im Nu ein unbekanntes Terrain, ein Mensch, ein Ding, eine Situation. Intuitiv erschließt unsere vielschichtige Erfahrung eine komplexe Situation und wir verhalten uns, fühlen, denken nach und handeln. Der Kompass unserer Persönlichkeit leitet uns in das Unvertraute hinein. Ein Fragment der ganzen Welt wird lesbar, sichtbar, hörbar. Und sind wir fest, bleibt uns dieser erste Eindruck, als viel mehr als ein Schnappschuss, erhalten, wird Maßstab zukünftiger Begegnungen. Eine Sprache wird gefunden, ein Verständnis wird geprägt.

Doch was ist, wenn wir beweglich bleiben, die Orientierung offenhalten, ein neues Erleben zulassen und ertragen? Liebe auf den ersten Blick, oder doch auf den zweiten? Das Erkennen, in seiner Melange aus subjektiven und objektiven Faktoren, Individualität und Sozialisation, kann das Wagnis eingehen, immer wieder aufs Neue das Terrain unserer Umwelt zu erkunden. Ruhiges wird bewegt, Graues beginnt in Farben zu schillern, fahles bekommt Geschmack, und vielleicht umgekehrt. Die Welt ist nicht statisch, mögen die Gesetze ihres Daseins auch dauerhaft Bestand haben.

Carolin Beyers Bilder, sie halten einem ersten und auch zweiten Blick, in ihrer schlichten Vielfalt, aus. Sie sind real und auch magisch zugleich, vermitteln äußere Natur und auch inneres Wesen. Sie zeigen eine Reflektion auf eine sichtbare Gegebenheit, die im Modus der Frage eine Antwort wagt. Es ist das Verfahren eines psychologischen Naturalismus, der sich im Dienst der Idee der Idealisierung verweigert. Auf den Spuren eines Max Liebermanns und Francis Bacons, fern von jeder Kopie, ergründet sie die Deutung des Sichtbaren. Ihre Bilder öffnen den Blick auf eine Wirklichkeit zwischen den Dingen und vorgefassten Meinungen und fordern die Auseinandersetzung ein, die jede gute Kunst in eine Reise über den ganz abwechslungsreichen Verlauf unterschiedlich beschaffener Straßen verwandelt.

Prima Vista dokumentiert diese Reisen der Betrachter ihrer Bilder in einem Dialog von Berichten und Eindrücken, die mutig ein Zeugnis der Mehrdeutigkeit belegen. Die Dinge sind vielleicht so, oder auch so aber nie gleichgültig. Carolin Beyer fokussiert ihren bildnerischen Blick, wählt Ausschnitte und Farbstimmungen, erfasst detailliert Bedeutendes und vereinfacht Nebensächliches im Destillat ihrer malerischen Wahrnehmung. Die Texte, die Betrachterinnen und Betrachter ihre Bilder verfasst haben und die Interpretationen, die sich im Gespräch mit der Künstlerin vermitteln, triangulieren einen polyphonen Dialog der Persönlichkeiten, in denen das Ästhetische, Emotionale und Geistige zum Klingen kommen. Die Tonlage schwingt zwischen Ibsen und Rilke, zwischen Poesie und Novelle.

Das scheinbar Unvereinbare findet zusammen, auch in der Ambivalenz zwischen Kritik und Hoffnung. Wie gewagt erscheint doch der Weg eines jungen Menschen, eines Mädchens, über eine Hängebrücke, die sich in schwindelnder Höhe über eine Kreuzung des sowohl erwachsenen und erwachenden Lebens spannt. Und wie inspirierend und beschützt sind am Ende öde Momente der Langeweile, über denen wir mehr schweben als hinweg fliegen. Das Situative dehnt sich aus in einen gedehnten Augenblick, wie bei Vermeer. Die Meditation im Garten, ein spontaner Einfall der jugendlichen Frau, begleitet vom Rattern der Hochbahn. Der liebevolle Blick der Malerin ist begabt mit dem Wissen um Abgründe und Hintergründe.

Hier erscheint die Persönlichkeit der Malerin selbst, die nicht zuletzt im Portrait auf diskrete Spurensuche nach dem Menschen hinter dem äußeren Eindruck geht. Ohne übergriffig zu werden, fahndet sie nach dem Menschen hinter der Persona, jener Rolle auf der Bühne des Lebens, in der Haltung und Statur verschmelzen im langsamen Entstehen und Vergehen.

Es ist der Blick einer Künstlerin, die auch die Naturbeobachtung liebt. Da gibt es die ungeordnete Dramatik der Wolken, das Wogen der Wellen, das fahrende Schiffe hin und her schaukelt, aber auch den zivilisierte Garten und Park mit ihren Flaneuren. Darin liegt auch das Wissen einer Ära, in der durch Klassizismus und Romantik gleichermaßen, das moderne Individuum seinen Platz in der Ortlosigkeit sucht und in glücklichen Sekunden und Minuten findet. Das Suchen selbst findet auf der Leinwand statt, das derjenige kennt, der die Gelegenheit hat, dem Prozess des Malens beizuwohnen. Carolin Beyer kennt selbst den ersten und den zweiten Blick, zu dem sie die Betrachter ihrer Bilder und Ausstellungen freundlich, aber engagiert ermutigt.

Thomas W. Kuhn, Tiergarten im November 2019


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