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Vlad Nanca – The City and the City
KVOST Berlin
11.9. bis 14.12.2019
Kunstforum International, Band 264
November/Dezember 2019, S. 226–228

30 Jahre nach den umfassenden politischen Veränderungen in Ost- und Mitteleuropa sind die kulturellen Zeugnisse der ehemaligen Staaten des Warschauer Paktes noch immer präsent. Insbesondere die Architektur hat im Städtebau umfangreich Spuren hinterlassen, mit ihr, die Kunst am Bau und die Möblierung des urbanen Raums. Vlad Nanca (*1979 in Bukarest) widmet sich in seiner künstlerischen Arbeit unter anderem dieser Hinterlassenschaft, die einen nachhaltigen Einfluss auf das ästhetische Empfinden der in diesem Umfeld lebenden Menschen besitzt.

Als erster Preisträger des KVOST (Kunstvereins Ost) ermöglichte ihm ein sechswöchiges Aufenthaltsstipendium in Berlin die Auseinandersetzung mit der Bau- und Monumentalkunst der ehemaligen Hauptstadt der DDR im Dialog mit Artefakten seiner rumänischen Heimat. Als Partner in diesem Dialog wählte er Walter Womacka (1922–2010), der in Ost-Berlin prominente und bis heute weithin sichtbare Werke im Staatsauftrag realisieren konnte.

Der Titel liefert den Schlüssel zum Konzept der Ausstellung, die mit dem Motiv der Dopplung spielt. "The City & the City" ist ein Science-Fiction Roman von China Miéville, der 2009 erschien und in zwei unmittelbar benachbarten Städten spielt. Der nahe liegende Bezug zu West-Berlin erscheint in Form einer Postkarte im Schaufenster des auf osteuropäische Gegenwartskunst hin orientierten Kunstvereins und zeigt das Brandenburger Tor zu frühen Zeiten der Mauer in den 1960er Jahren von Westen nach Osten fotografiert. Eine weitere Postkarte im Ausstellungsraum stiftet die Verbindung zwischen Rumänien und Ost-Berlin. Die Ansicht der Ost-Berliner Kongresshalle und des Haus des Lehrers zeigt ein Fahrzeug des rumänischen Automobilherstellers Dacia. Das Modell, ein Lizenzbau der französischen Renault Werke, wurde über Jahrzehnte hinweg nahezu unverändert produziert und steht in eigentümlicher Weise für Modernität und Stillstand zugleich. Eine kleine Nachbildung des Fahrzeugs vor der gerahmten Postkarte verstärkt nicht nur den konkreten Bezug, sondern verweist auf die Konzipierung einer Modellhäftigkeit der sozialistischen Lebenswirklichkeit an sich. An anderer Stelle der Schau führt das Video "Dacia: 30 Years of Social History", von 2003, diesen Stillstand, durch die Zeit hinweg, in Form von Überblendungen von Aufnahmen des Automobils, vor Augen.

Überlagerung ist auch das Prinzip des nun in Berlin entstanden Film "The City and the City and the Freedom Artist". Er zeigt, nach Anreise über die S-Bahn aus östlicher Richtung zum Alexanderplatz, eine Aufnahme der von Erich John gestalteten Weltzeituhr. Nanca hält gegen Ende historische Fotografien privaten Charakters deckungsgleich vor die Kamera, die Ausflügler vor einem Nachbau der Weltzeituhr im rumänischen Falticeni, vermutlich aus den 1970er Jahren, zeigen. Verkörpert die Uhr, über ihre Funktion als Zeitmesser hinaus, den globalen politischen Anspruch des Sozialismus, so nimmt die rumänische Nachbildung die Transformation in die heutige, touristische Attraktion vorweg. Gesprochene Zitate aus "The City & the City" sowie aus dem Buch "The Freedom Artist" von Ben Okri aus 2019 begleiten den ca. siebenminütigen Film.

Womacka, der die künstlerische Leitung des Umgestaltung des Alexanderplatz – inklusive Weltzeituhr – innehielt, ist in der Ausstellung mehrfach präsent. Eine Leihgabe der Familie Papapetrou zeigt den Original-Entwurf für das Glasfenster im Staatsratsgebäudes der DDR. Aus derselben Sammlung stammt ein Gemälde von 1961, das den "Aufbau an der Karl-Marx-Allee" darstellt und eine Reihe, dem Abriss geweihter, eng gedrängter Bauten Alt-Berlins, umgeben von großzügig angelegten Neubauten darstellt. Ein dennoch trist wirkendes Bild. In ähnlicher Opposition von Alt und Neu präsentiert Nanca, als weitere Ergänzung aus fremder Hand, eine Fotografie von Kamen Stoyanov, mit idyllischem Picknick im Vordergrund, den dahinter liegenden traditionellen Bauten seiner bulgarischen Heimatstadt Russe, folgenden Hochhäusern und dem darüber dominierenden Fernsehturm als Zeichen des Fortschritts unter grau bedecktem Himmel. Und auch der Moskauer Fernsehturm Ostankino findet, stellvertreten durch eine Miniatur aus Metall vor einem Bild des Ost-Berliner Funkturms, Platz in der Schau, länderübergreifendes Symbol der Leistungsfähigkeit des Sozialismus.

Von Womacka zitiert Nanca noch heute sichtbare Mosaiken in Berlin. Ein Motiv mit dem Titel "Solutions" zeigt, isoliert vom gesamtbildlichen Kontext, Hände, samt diese haltende Objekte, vom Fries des Haus des Lehrers, in geradezu byzantinischer Anmutung. Eine weitere Entlehnung zeigt die Darstellung atomarer Kräfte aus dem Wandbild "Arbeit für das Glück des Menschen" von 1989 aus Marzahn und überträgt orbitale Formen in Metall. In "Connections" verschmilzt er dann dekorative Mosaiken der Universitatea de Vest im rumänischen Temeswar mit Kreisformen aus letztgenanntem Bild Womackas.

Wie in dem Mosaik "Solutions" liegt ein Moment der Isolation und Fragmentierung über der Gesamtpräsentation der ausgestellten Werke. Der westlich geprägte Blick mag mit dem Vorurteil der Ostalgie aufwarten. Tatsächlich handelt es sich um eine kritische Aufarbeitung von formalen wie inhaltlichen Motiven, mehr als einer ästhetischen Studie von Korrespondenzen, in denen eine Moment liebevoller Ironie und ein spürbarer Hauch Melancholie mitschwingt. Gelegen im Komplex Leipziger Straße, benachbart zu Gontards Spittelkolonnaden, am ehemaligen Mauerstreifen, ideal verortet.

Thomas W. Kuhn


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