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Dag Seemann: Club Kythera
Galerie Ilka Klose, Würzburg

Vor 100 Jahren untersuchte der Kulturwissenschaftler Aby Warburg, wie Mythen der Antike durch die Wandlungen der europäischen Geschichte hindurch in vielfältigen Transformationen überlebten. Nach Religion und Philosophie, in Mittelalter und Neuzeit, entdeckten im 19. Jahrhundert Psychologie und die industrialisierte Warenwirtschaft ihr Potenzial. Sagenhafte Orte, Götter und Helden Griechenland und Roms liehen seitdem Konsumprodukten ihr Antlitz, Namen und Gewand. Auf Kythera, wo einst Aphrodite an Land ging und ihr imaginäres Reich der Liebenden schuf, kann heute ein Club auf Feriengäste warten, der – Cocktails included – modernen Lifestyle mit Charterflug, Sandstrand und Air-Condition verbindet. Vielleicht ein Ort für flüchtige Begegnungen, stampfenden, treibenden Bässen und nahtlose Bräune auf epilierter, übertätowierter Haut, die vorbildlich geformte Körper kleidet.
In zwei Bildserien erkundet Dag Seemann die gegenwärtigen Verkörperungen alter und neuer Mythen. Die Serie "Solitaire" widmet sich einer Reihe von exklusiven Düften der Kosmetikbranche, deren Namen ganz unmittelbar ihr luxuriöses Produkt auf mondäne Weise mit Bedeutung aufladen. Sie beschwören die Atmosphäre von Rom und Venedig, versprechen den Zauber des Lebenswassers oder die verwegene Sinnlichkeit einer Droge, antizipieren die Begegnung mit einem eben noch unbekannten Freund. Die wohlkomponierten Zutaten der Fragrance entfalten sich auf nackter Haut und verwandeln Realität in eine neue Wirklichkeit, die der Banalität des Daseins entflieht – und den Shareholdern ihrer Hersteller traumhafte Gewinne beschert. Ihre Flakons sind kleine Kunstwerke, Edelsteine avancierter Warenästhetik, die dem reinen Fetisch ihr dauerhaftes Gehäuse bieten. Dag Seemann animiert diese Reize in einer malerisch-leuchtenden Typologie.
Die zweite Serie zeigt eine komplexe Montage von Motiven in Innenräumen, mit Lounge-artigem Charakter: halb Bühne, halb Boutique. Muskelbepackte Kämpfer ringen um die unbekannte Schöne, die sich lasziv am Boden windet oder unnahbar über sie erhebt. Loreley und Sirene zugleich. Die Zeit verstreicht hier, wie ein zähes Tropfen Melasse oder explosiv in einem kurzen Moment. Champagner rinnt von Brillanten umschmeichelte Kehlen hinab: süße Selbst-Verführung. Abstrakte Zeichen und Formen durchdringen auf verschiedenen Ebenen die mehrschichtigen Räume, in denen Malerei, Collage und Druck miteinander verschmelzen. Die mediale Durchdringung, das Spiel von Tiefe und Oberfläche, Abstraktion und Figuration spiegeln die Multidimensionalität des von Dag Seemann de- und re-konstruierten Milieus, in dem das Leben die Kunst – oder besser – die Künstlichkeit nachahmt und als authentisches Dasein anstrebt, in einer nonchalant komponierten Melange der Zeichen und Zitate, die heute nur mehr schamhaft, aber immer noch zutreffend, postmodern genannt werden darf.

Thomas W. Kuhn, Rheydt im September 2019


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