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Thomas Zipp - The Unknown (Flowers) & The Other Side
Galerie Petra Martinetz, Köln
25.10. bis 14.12.2019

Während der Artenschwund in Fauna und Flora ein nicht unwesentlicher Teil der Sorgen um den Fortbestand des planetarischen Lebens ist, entstehen in den Laboratorien biogenetischer Forschungseinrichtungen fortwährend neue Hybride mit noch unbekannten Eigenschaften zum mutmaßlichen Wohl der Menschheit. Auf der anderen Seite der Gegenwart wartet die Zukunft mit einer neuen Folge wissenschaftlicher Paradigmen und bildet einen offenen Horizont für das Unbekannte, flankiert von Hoffnung und Gefahr.

Die aktuelle Ausstellung, mit selten zu sehenden Zeichnungen von Thomas Zipp, öffnet künstlerisch den Blick auf die Schöpfungen des Prothesengotts Mensch, der die Schwelle des Machbaren beständig ins unerschöpflich Prekäre verschiebt. Entstanden im vergangenen Winter im dort sommerlichen Kapstadt, überlagen sich naturwissenschaftliche Aspekte mit philosophischen und religiösen Konzepten, die einander mit den unvermeidlichen sozialen Fragen durchdringen, die der so genannte Fortschritt heraufbeschwört.

Diagramme und Skizzen demonstrieren den provisorischen und prozessualen Charakter des Fortgangs einer Metamorphose mit mythologischen Dimensionen, die Glück und Zufall als Garanten für ein Gelingen bemüht. Es ist ein Wettlauf auf dem Weg zu Erkenntnis oder Vernichtung, vielleicht auch beidem, mit sich stetig steigernder Beschleunigung. Erlösung und Tot markieren letzte Grenzen, durchdrungen vom Geist eines experimentellen Bewusstseins. Das Gemälde "A.O.: A Crossed Couple (the general hypothesis sampling theory)" verschmilzt diese Ebenen geistiger, psychischer und physischer Art und bildet einen zentralen Orientierungspunkt in der Ausstellung. Alpha und Omega, Anfang und Ende verbindet das Kreuz, stellvertretend für die erste Postulierung einer Idee des Sakralen in der menschlichen Existenz und ihrer dinglich, bildnerischen Ausformung an einem heiligen Ort als mutmaßlichen Ursprung der Kunst und eines durch Erkenntnis gebrochenen und daher zu heilenden Verhältnisses des Menschen zur Welt. Die assoziative Gestaltungskraft der Fantasie manifestiert sich in unbestimmbaren Flecken einer Art von Rorschach-Test, den der gestaltende Geist im Horizont konkret ästhetischer und seelischer Erfahrung formt.

Hier fließen bei Thomas Zipp sowohl kulturhistorische und psychophysikalische Gedanken ein, wie sie nicht zuletzt von Gustav Theodor Fechner im 19. Jahrhundert ergründet wurden. Den ritualistischen, intermedialen Kontext, der sich nicht allein auf das Bildliche beschränkt, beschwört im Rahmen der Eröffnung die performative Erweiterung in die musikalische Begleitung und die Kommunion der Zubereitung und Verspeisung eines gemeinschaftlichen Essens durch die Beteiligten. Die Verwandlung der Zutaten durch die Reaktoren Kochtopf und Herd verweisen auf den archaischen Moment der Vereinigung und Aneignung, als Entsprechung zur Ausstellung und dessen produktivem Gefüge, an sich, der sich als Ort einer geistig-seelisch-körperlichen Transformation eignet.

Thomas W. Kuhn, Pinneberg im Oktober 2019

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