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Köln
Andreas Gefeller
Thomas Rehbein Galerie

14.11.2020–9.1.2021 Kunstforum International, Band 272
Januar/Februar 2021, S. 264-265

von Thomas W. Kuhn


Es sind die Grenzen des für das menschliche Auge Sichtbaren an denen Andreas Gefeller (*1970 Düsseldorf) schon seit 20 Jahren seine künstlerische Forschung betreibt und in thematischen Serien erfasst. Während die Atlas Gallery aktuell einen Überblick seines Schaffens in London zeigt, die erste Einzelausstellung im Vereinigten Königreich, versammelt die inzwischen zehnte Ausstellung in der Thomas Rehbein Galerie seit 2004 Bilder aus zwei neueren Serien.

Zum einen handelt es sich um die 2016 begonnene und noch fortlaufende Serie „The Other Side of Light“ und die abgeschlossene Bildfolge „Clouds“ aus 2019. Licht und Wasser verbinden alle Arbeiten, die als gerahmte Inkjetdrucke gefertigt wurden, mit teils kleineren Formaten von 80 x 64 cm bis hin zu 153,2 x 149,1 cm. Ein erster Film des Künstlers ergänzt die Auswahl aus den Serien.

Bilden die „Clouds“ auf Grund ihres wiederkehrenden Motivs der Wolken eine optisch geschlossene Gruppe, ist das Spektrum der Sujets der zweiten Serie vielfältiger und reicht von Regentropfen auf dem Wasser, über Wellen und Sand bis hin zu Sprühnebel. Alles vertraute Phänomene, aber so noch nie gesehen.

Gefeller nutzt die Kamera, anfangs die analoge, später die digitale, um dem Gewohnten eine überraschende und fast magisch zu nennende Erscheinung abzugewinnen. So wirken Farbe und Licht der sich dramatisch auftürmenden Wolken, durch die graduelle Veränderung von Kontrasten, beinahe unirdisch. Und tatsächlich sind diese Wolken keines natürlichen Ursprungs, sondern der aufsteigende Wasserdampf über Kühltürmen der RWE in Grevenbroich-Neurath. Schon 1996 besuchte der Künstler die Region um Tschernobyl und erfasste die optisch wahrnehmbaren und räumlich identifizierbaren Folgen der Nuklearkatastrophe von 1986. Die aktuellen „Clouds“ verraten ihren konkreten Ursprung nicht und vermitteln doch etwas Bedrohliches, wie im Bild mit der Nummer „055“, wo es scheint, als wäre Licht selbst in einen stofflichen Aggregatzustand übergegangen.

Während Gefeller hier nur geringfügig in die Darstellung der Bilddaten eingriff, sind zwei der eindrucksvollsten Bilder der Ausstellung komplexe Montagen von Einzelaufnahmen. Sowohl Bild „040“ und „041“ aus „The Other Side of Light“ zeigen brechende Wellen des Meers. Die 2019 am Rechner konstruierten Bilder machen auch dieses an sich bekannte Motiv aus fremder Perspektive erlebbar. „040“ zeigt die sich an einer Mole brechende Welle von oben, wobei die Belichtung der Einzelbilder alles, bis auf die Gischt, ins Schwarze abtauchen lässt. Auch hier eine Parallele zu der Serie „Soma“ aus 2000, der Abschlussarbeit von Gefeller, der bei Bernhard Prinz an der Folkwang Hochschule in Essen studiert hatte. Langzeitbelichtungen bei Nacht erfassten im Restlicht ein geisterhaftes Urlaubsressort auf Gran Canaria: hell erleuchtete, strahlend farbige Bauten und Strände vor schwarzem Himmel. Die Technik des „Kartierens“ auf der Grundlage zahlloser Einzelfotos verweist wiederum auf die Serie der „Supervisions“, mit Parkplätzen, Rasenflächen und Innenräumen, alles gestochen scharf in einer flächenhaften Ausdehnung, die kein menschlicher Standpunkt überblickt. Die zweite Welle im Bild „041“ wirkt, als schlüge sie über die Kamera hinweg und verdeckte den sonnigen, blauen Himmel.

Bettina Haiss, die über beide Serien geistreiche Texte verfasste, spricht zurecht vom All-Over vieler Bildkompositionen Gefellers und bringt den ästhetischen Begriff des Erhabenen ins Spiel. Der Eindruck „unermesslicher Naturgröße“ wird dabei noch verstärkt durch den fehlenden Maßstab, der vexierbildartig in der Wahrnehmung ein Wechselbad zwischen Kleinstem und Größtem provoziert. Könnte der Sprühnebel des Bildes „042“ aus der Serie „The Other Side of Light“ nicht auch die teleskopische Aufnahme von Sternen einer Galaxie sein? Gefeller selbst sind solche Assoziationen nicht fremd. Er denkt über die Möglichkeit nach, dass er in seinen Bildern auch Metaphern finden kann, die Prozesse der IT illustrieren könnten: die Vernetzung von Daten, das Speichern in Clouds oder der Rechenvorgang selbst. Im Bild „021“ der o.g. Serie wird dieser Gedanke anschaulich: ein äußerst kurzer Belichtungsmoment erfasst hier die Reflexion hochfrequent flimmernder LED-Lichter auf einer Wasseroberfläche, die zu charakteristischen Unterbrechungen der Lichter führt. Das Ergebnis erinnert an eine informelle Computergrafik. Überhaupt finden sich assoziativ Gemeinsamkeiten mit Formen des abstrakten Expressionismus, die aber ebensowenig explizit intendiert sind wie Ähnlichkeiten der Wolken mit Barockmalerei. Gefeller spielt jedoch bewusst und künstlerisch innerhalb einer Unschärfe von Dokumentation und manipulierter Fiktion mit dem Konzept der Realität. Er selbst warnt: Vertraut nie meinen Bildern. Doch auch die mehr oder weniger starke Bearbeitung lässt wenigstens erahnen, dass jenseits üblicher menschlicher Wahrnehmung, allein schon im Sichtbaren, andere Realitäten denkbar sind, zugänglich für Wesen, begabt mit anders entwickelten Sinnesorganen. Eine Ärztin sah sich bei Bild „049“ derselben Serie an anatomische Studien erinnert, Schwemmsand strukturiert wie Muskelfasern, berichtete Sylvia Stulz-Rehbein von der Eröffnung. Es wäre spannend, die Bilder Gefellers zwischen Werke Alexander Cozens und John Constables zu hängen, zwischen Zufall und Präzision im Spiel von Kunst und Natur, Fantasie und Erkenntnis.


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