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Liisa Lounila – Ed Atkins. Shadow Zone / White Slime
Nykytaiteen museo Kiasma, Helsinki
28.02. – 26.07.2020 / 28.02. – 23.08.2020
Kunstforum International, Band 267
Mai 2020, S. 296–299

Eine nationale und eine internationale künstlerische Position im Tandem – Museumsdirektor Leevi Haapala zeigt sich im Gespräch überzeugt von den Synergieeffekten beider Ausstellungen, die gleichermaßen auf die heimische Bevölkerung und die zahlreichen Touristen abzielt. Die prominente Ausstellung für die Mid-Career-Künstlerin Liisa Lounila (*1976 Helsinki) soll dabei ihren Bekanntheitsgrad über die finnischen Grenzen hinaus erweitern, eine erste Solo-Show Ed Atkins (* 1982 Oxford) in Finnland dem heimischen Publikum nahebringen. Die zeitgleiche Ausstellung „Weather Report: Forecasting Future“, die Finnland für den Nordischen Pavillon der 58. Biennale von 2019 in Venedig konzipiert hatte, hilft, dieses Konzept strategisch abzurunden.

Fünf Räume stellt das Haus der Multimedia-Künstlerin Lounila zur Verfügung, mit einer Auswahl von Werken, die zwischen 2008 und 2020 entstanden. Sie spricht mit viel Humor über ihre oft biografisch verankerten Werke. „Garden“ (2017-19) widmet sich über 20 Minuten hinweg dem von ihr wenig geliebten Gemüsegarten ihrer verstorbenen Mutter. Die sich langsam im Kreis drehende Kamera erfasst die inzwischen verwilderten Beete, einmal im Frühling und einmal im Winter. „In Between Days“ (2019) zeigt wiederum nach Datum in Reihen und Spalten sortierte Brotclips, die ihre Mutter über Jahre hinweg in Schubladen gesammelt hatte. Es sind melancholische Verweise auf Zeit und Vergänglichkeit, gefärbt durch die Absurdität eines Übermaßes an Nützlichem im Kleinen und Alltäglichen.

Dieser Richtung folgt auch die seit 2014 fortlaufend erweiterte Dreikanalvideoinstallation „Breaking Point“. Zu der gehört eine zufällig gefundene Notiz mit der wie manisch wiederholten Wortfolge „Wake up. Surf.“, die gerahmt hinter Glas neben den Monitoren hängt. Die Aufnahmen zeigen brechende Wellen am Strand in scheinbar unendlicher Wiederholung, eine ewige Wiederkehr des Gleichen, bis zum unvermeidlichen Ende.

Dem Zufall verdankt sich auch das Video „7 BPM“ (2013) wo Lounila in Arizona unerwartet Zeugin eines Blitzlichtgewitters wurde, das wie unbewegt am Horizont stattfand. Der Titel deutet eine Ordnung innerhalb dieses an sich nur schwer kalkulierbaren Wetterphänomens an, der durchschnittlichen Blitzfrequenz pro Minute während dieser Aufnahme. „Take Away“ (2011-2019), eine Objektinstallation in einer Glasvitrine, bezieht sich auf eine andere Systematik, die Lounila im Chaos gefunden hat. Sie beobachtete über Jahre hinweg die Ansammlung von Müll in öffentlichen Parks und auf Plätzen, die sich im Laufe eines Tages auf immer wieder ähnliche Weise auftürmten. Besonders fasziniert sie von den Mülleimern am Union Square in Manhattan, die – ohne zwischenzeitliche Leerung – bis zum Abend immer wieder eine pyramidale Form annahmen. Die Künstlerin hat Fundstücke von diesen Orten mit dem äußerst teuren und seltenen Metall Palladium überzogen und als Schatz inszeniert, eine materielle Überhöhung, die den Fokus auf unseren prekären Umgang mit Ressourcen richtet.

Mit der raumgreifenden Installation „Passing By“ (seit 2008) hebt Lounila einen eigenen Schatz. Auf zahlreichen, sehr unterschiedlichen, Flachbildschirmen, montiert auf das Gitter eines kreisrunden Turms, sind hier Landschaftsaufnahmen zu sehen, die über Jahre hinweg bei Fahrten aus dem Auto heraus entstanden waren und die sich im Zuge eines Datentransfers auf ihren Festplatten fanden. Präsentiert in einem zweistöckigen Raum, ermöglicht ein Balkon den Blick von der darüber liegenden Etage auf das Werk und spielt hier auch mit dem räumlichen Bezug zum Reiterdenkmal für den früheren finnischen Staatspräsidenten Mannerheim vor dem Außenfenster dieses Saales.

In den vier Räumen, die diese Werke zeigen, verweben sich die Audiospuren atmosphärisch miteinander, leise begleitet von tickenden Uhren („Crickets“ aus 2019). Aus akustischen Gründen separiert, schließt „Seven Crytal Balls“ (2019) den Kreis dieser Arbeiten. Zu hören sind sieben unterschiedliche Deutungen von Händen und Gesicht der Künstlerin, durch New Yorker Wahrsager, die einander lautstark überlagern. Lounila wechselt hier die Rolle, von der Beobachterin hin zur Beobachteten, von der Interpretin zur Interpretierten. Diese Spiegelung ihrer künstlerischen Praxis in der Divination erscheint gleichermaßen als Ausdruck eines Zweifels am eigenen Handeln, wie auch als Hoffnung, auf deren mögliches Potenzial, hinsichtlich Produktion und Rezeption.

„Live White Slime“ von Ed Atkins stellt räumlich und inhaltlich die Videoinstallation „Safe Conduct“ von 2016 ins Zentrum. Der oberste Saal des Kiasma wurde zu diesem Zweck mit schallschluckenden Akustikpaneelen verkleidet, die vereinzelt maschinell mit Texten und Diagrammen bestickt wurden, Teil der Arbeit „Samplers“ aus 2020. Sechs Stellwände aus recyceltem Sperrholz flankieren den Lastenkran, der die drei Monitore von „Safe Conduct“ trägt. Die Stellwände zeigen erläuternde Texte von Atkins, neben weiteren bestickten Paneelen und der Videokompilation „Ninth Freedom“, einem Work in Progress (seit 2020).

Weder die hier vorhandenen Erläuterungen noch der von Atkins verfasste Pressetext, erleichtern den Zugang zum Werk. Subversiv dringt der Künstler in die Vermittlungsstrategie des Museums ein. Gleichermaßen arbeitet er an der Unterwanderung der Rollenverteilung von Publikum und Werk und bezieht sich dabei auch auf Antonin Artauds „Theater der Grausamkeit“. Das absurde Sicherheitsvideo „Safe Conduct“, im Stil der Passagierkontrollen an Flughäfen, wird von Maurice Ravels „Boléro“ begleitet, wodurch die Besucher unversehens in eine Ballettkompanie verwandelt werden, während die Rezeptions- und Produktionsgrenzen verwischen. Schließlich wird in der realen Situation der Flughafenkontrolle der Fluggast selbst zum Objekt der Betrachtung, das vermittels Körperscanner zum elektronischen Bild transformiert, fragmentiert und entindividualisiert wird und durch dieses „Fegefeuer“ der Kontrollen Schutz vor sich selbst, als potenziellem Täter und Sünder, findet. Heil versprechen schließlich die Sicherheitsvideos an Bord die Atkins in „Ninth Freedom“ versammelt, reale Animationen verschiedener Fluggesellschaften, neu vertont. Chuck Palahniuks Roman „Fight Club“ könnte Pate gestanden haben.

Eine der leicht zu übersehenden Stickereien zeigt ein Diagramm zum Größenvergleich von Tieren – die meisten davon ausgestorben – mit einer Boeing 737. Das lässt nichts Gutes ahnen und jenes ebenfalls gestickte Bekenntnis der Sünden des 19-jährigen Isaac Newton, der sein Elternhaus in Brand stecken wollte, kommt vielleicht zu spät: wir Späteren zündeten dieses – ad astra – an.

Thomas W. Kuhn


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